Besser reiten

Blinder Passagier – die Angst reitet mit mir

„so… jetzt trabe ich an. Hoffentlich rennt er jetzt nicht los… Oh nein, er wird immer schneller. OK, ich hab es im Griff. Klasse, jetzt läuft er gut am Zügel, dann könnte ich auch mal angaloppieren. Aussitzen... Fühlt sich spannig an und ich kann nicht richtig sitzen. Oh, das bin ich, ich muss mit meiner Hüfte seinen Schwung aufnehmen… Viel besser! Zum angaloppieren muss ich den äußeren Schenkel ein Stück zurücknehmen. Nein, jetzt wird Wango wieder schneller im Trab und rennt fast! Ruhe bewahren und das Pferd wieder zu mir holen. Nochmal… Erst die Hilfe geben und dann mit der Bewegung mitgehen. Er ist angaloppiert! Und ich mit dem Oberkörper nach vorne gefallen… Wango trabt nun wieder, aber viel spanniger als vorher. Erstmal durchatmen. Oh, ich ziehe meine Knie ja hoch, runter damit und entspannen! Nochmal… Außengalopp… Durchparieren, gleich nochmal! Puh er galoppiert, aber da kommt die Ecke, wo er mal gebuckelt hat! Hoffentlich macht er das jetzt nicht! Mist, jetzt ist er mir wieder in den Trab gefallen…“

Meine Angst vor dem Galopp

Das war ein kleiner Auszug meiner Gedanken, wenn ich auf Wango reite und galoppieren möchte. Und das war nur in der Halle… Im Gelände fange ich teilweise an zu weinen, mein Herz rast oder ich zittere bzw. verkrampfe und möchte am liebsten absteigen und nach Hause gehen. Das sind alles Alarmsignale der Angst.

Ich habe ehrlichgesagt lange darüber nachgedacht, ob ich den Artikel in dieser doch sehr persönlichen Form mit so vielen Menschen teilen möchte und sollte. Letztendlich habe ich mich aber dafür entschieden, weil ich weiß, dass ich mit dem Tabuthema „Angst beim Reiten“ in der Reiterwelt nicht alleine bin. Ich hoffe, dass ich anderen Reitern und Reiterinnen damit die Hemmschwelle nehmen kann zu seiner Angst zu stehen und diese ebenfalls mit anderen zu teilen. In diesem Artikel gehe ich vor Allem auf mich und meine Angst vor dem Galopp ein, wie es dazu kam, was ich dabei fühle und ganz besonders, wie ich nun damit umgehe. Ich denke, dass dies auch auf andere Ängste abgeleitet werden und den betroffenen Reitern und Reiterinnen helfen kann.

Wie entsteht Angst?

Ich habe die Angst vor dem Galopp durch schlechte Erfahrungen entwickelt. Früher bin ich bedenkenlos auf dem Platz und im Gelände galoppiert und es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Spaß würde es mir heute auch noch machen, wenn da nicht immer diese Stimme wäre, dass gleich wieder etwas passieren könnte. Denn es hatte sich tatsächlich gehäuft, dass Wango im Galopp gebuckelt hat. Dadurch bin ich 2-3x gestürzt. Ich habe mir nie ernsthaft was getan, nur ein paar Prellungen und blaue Flecke, aber das hat gereicht, um eine Angst davor zu entwickeln. Den genauen Auslöser meiner Angst kenne ich allerdings nicht. Mir ist nur hängen geblieben, dass dies im Galopp passierte und vielleicht war ich ja auch der Auslöser für den ersten Buckler oder Sturz und dann bin ich in einen Kreislauf geraten? Ich weiß es nicht. Fakt ist: ich habe Angst zu galoppieren!

Bei meinen Internetrecherchen zu dem Thema, bin ich auf zwei wertvolle Beiträge gestoßen. Von dem ersten greife ich auf ein kurzes Beispiel zurück, bei dem verdeutlicht wird, was Angst mit einem macht:

Stell dir vor du hast ein Schneidebrett mit einer schönen saftigen, gelben Zitrone darauf vor dir liegen. In der Hand hältst du das scharfe Messer, mit dem du nun die gelbe Zitrone halbierst. Von der einen Hälfte schneidest du nun eine Scheibe ab, legst das Messer weg und nimmst die saftige Zitronenscheibe zwischen Daumen und Zeigefinger. Beiße in die Zitronenscheibe rein! In Gedanken natürlich. Wie verhält sich dein Körper in diesem Moment?

Dana Santana in einem Interview mit Pferdeflüsterei

Jedes Mal, wenn ich diesen Text lese, kommt mir ein Kribbeln im Unterkiefer und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Obwohl ich mir das Geschehen nur bildlich vorstelle. Man kann sich also Dinge einreden und der Körper reagiert darauf. Meine Angst ist in diesem Fall nichts anderes. Ich stelle mir vor, was passieren KÖNNTE und mein Körper blockiert. Das ist ein Schutzmechanismus. Ein Reflex, um so eine Situation nicht noch einmal zu erleben. Quasi aus Vorsicht. Dieser äußert sich auf 3 verschiedene Arten: Flucht, Kampf und Erstarren.

Kann ich meine Angst umprogrammieren?

Ja! Das Gehirn kann sich nur auf eine Sache konzentrieren. Entweder steigere ich mich also in mein „Oh Gott, gleich passiert was“ hinein oder ich sage mir „wir schaffen das, wir vertrauen uns“. Beides gleichzeitig geht nicht! ich muss es nur wirklich glauben, was ich mir selber zurede. Dies kann ich auch bereits vor dem Zusammentreffen mit meinem Pferd machen. So gehe ich schon mit einem guten Gefühl an die Sache heran und das merkt auch mein Pferd. Habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass ich reiten möchte, dann denke ich positiv darüber und steige auf! Ich höre auf mein Pferd, auf mein Bauchgefühl und fühle mich in mein Pferd hinein. Fühlt es sich gut an? Dann galoppiere ich!

Ich darf mich aber nicht selbst überfordern, sondern sollte auf das aufbauen, was Wango und ich gut können. Traue ich mich an den Galopp, dann galoppiere ich nur wenige Sprünge und höre auf! So kann ich bei der nächsten Einheit mit einem guten Gefühl an die Sache gehen, weil es ja beim letzten Mal gut geklappt hat. Diesmal galoppiere ich 2-3 Sprünge länger und immer so weiter.

Auch mal auf anderen Pferden reiten

Ist dies mit dem eigenen Pferd nicht möglich, so kann es sinnvoll sein, sich erstmal auf ein anderes Pferd zu setzen, was sicher galoppiert, um das Vertrauen in sich selbst zum Galopp wieder aufzubauen. Fühle ich mich dabei sicher, kann ich den Schritt, auf meinem eigenen Pferd zu galoppieren, wagen. So habe ich nicht nur das Vertrauen in meine Fähigkeiten gesteigert, sondern auch meinen Sitz und die Technik verbessert.

Doch was ist wenn das alles nichts hilft? Wenn ich meine Angst nicht umprogrammieren kann und in einen Kreislauf verfalle. Ich glaube nicht an das, was ich mir einrede, mein Körper zeigt dadurch die selben Reaktionen, wie zuvor und das verunsichert mein Pferd immer mehr? Wir steigern uns gegenseitig weiter in die Angst und Unsicherheit hinein und das Vertrauen zueinander fällt immer weiter?

Wie komme ich aus dem Kreislauf heraus?

Um diese Frage zu beantworten, komme ich auf den oben genannten zweiten Artikel zurück, einem Interview von Herzenspferd mit Dr. Birgit Harenberg. Dabei wird sehr schön aufgezeigt, wie man mit seiner Angst besser umgehen und einschätzen kann, ob sie berechtigt ist. Auch aus diesem Artikel möchte ich einen Absatz zitieren und zwar Fragen, die auch ich mir selbst nach dem Lesen gestellt und beantwortet habe:

  • Was kann ich (mein Pferd) gut?
  • Welche Fähigkeiten haben wir (schon erlernt)?
  • Welche Lektionen funktionieren einwandfrei (Paraden, Übergänge, Seitengänge)?
  • Wie gut ist meine Beziehung zu meinem Pferd? Wie groß ist das Vertrauen zueinander? Am Boden? Im Sattel?
  • Gelingt eine erfolgreiche Kommunikation?
  • Wie und wer hat die Führung in unser Beziehung?
  • Wie sieht mein Selbstbild und mein Selbstvertrauen aus? Ist mein Selbstbild realistisch? Oder ist es verzerrt und beeinflusst durch die Interpretationen anderer bzw. durch mich selbst?
  • Kann ich mir, meinen Stärken und Fähigkeiten und meinem Pferd auch in kritischen Situationen vertrauen?
  • Was erfordert die neue oder Angst einflößende Situation von mir? Was muss ich tun, um diese Situation erfolgreich zu meistern?
  • Welche konkreten Schritte muss ich tun? Was brauche ich dafür?
  • Wer oder was kann mir dabei helfen?
    Dr. Birgit Harenberg in einem Interview mit Herzenspferd

Ist meine Angst berechtigt?

Ich habe mich getraut euch meine Antworten auf diese Fragen zu zeigen. Nehmt euch doch auch einfach mal 1 Stunde Zeit, setzt euch mit einem Zettel und Stift aufs Sofa und geht in euch. Beantwortet dabei die oben stehenden Fragen, es müssen auch nicht alle sein, und vielleicht hilft euch bereits dieser Schritt dabei euch eure Angst näher zu beleuchten. Existiert eure Angst nur im Kopf oder ist sie berechtigt? Mir hat das bereits geholfen zu sagen: „Ja, Wango hat oft gebuckelt im Galopp, wodurch ich runter gefallen bin, ABER es ist schon lange nichts mehr passiert! Warum also sollte meine Angst noch berechtigt sein? Ich probiere es weiter, nur mit dem Gedanken im Kopf, dass ich entspannt mit Wango durch die Ecken galoppiere und danach mit einem strahlenden Lächeln auf dem Pferd sitze oder vielleicht sogar mit Freudentränen in den Augen und mit einem sehr guten Gefühl absteige!“

Aber mit der Beantwortung der Fragen und meinem Ergebnis, was ich daraus gezogen habe, ist es noch lange nicht getan. In der letzten Frage beantworte ich, wer oder was mir dabei helfen kann meiner Angst den Rücken zu kehren. Ich muss also weiterhin an meinem Selbstvertrauen arbeiten und werde wieder Reitunterricht nehmen. Mein Ziel ist es, dass ich in 3 Monaten entspannter galoppieren kann. Wenn ich dieses Ziel nicht erreiche, so werde ich den Schritt gehen und mir professionelle Hilfe zum Thema „Angstbewältigung“ speziell bezogen aufs Reiten suchen.

Profitiere aus deiner Angst

Meist kann man seine Angst nicht völlig ablegen oder besiegen und das ist auch ganz normal. Du kannst aber von ihr profitieren. Du stärkst in kleinen Schritten die Vertrauensbasis zwischen dir und deinem Pferd. Dadurch werden dir viele Türen geöffnet, die dir vorher unerreichbar schienen.

Hast du deine Angst umgekehrt, so stärkst du dein Selbstvertrauen. Vielleicht kannst du dadurch auch weitere Ängste ablegen oder mindern? Du weißt nun, dass du es schaffen kannst und dass es machbar ist. Also heißt es nun nicht mehr VERSUCHEN, sondern MACHEN!

Galopp

Ich habe auch noch einen sehr wertvollen Tipp von Sonja Leitenstern via Instagram bekommen: „umso besser das Pferd auf dem Hinterbein sitzt, umso ungefährlicher wird der Galopp. Trainiere die Tragkraft und tanke hier weiter Selbstvertrauen.“ Die Hinterhand stärken. Das wird nun mein Vorsatz für die nächsten 3 Monate.

Fazit

Fühlst du dich von diesem Artikel angesprochen? So teile doch auch deine Angst mit uns in den Kommentaren. Du kannst mir auch gerne eine Mail an wangoanni@web.de schreiben. Ich bin zur Zeit noch ganz am Anfang meiner Angstbewältigung. Nämlich dabei mir einzureden, dass das galoppieren klappt und ich entspannt darauf sitze. Nebenbei stärke ich Wangos Hinterhand und achte speziell darauf, dass er den Rücken hochdrückt, bevor wir angaloppieren. Ich für mich mache Übungen zur Stärkung meiner Körpermitte. Also Bauch- und Rückenmuskulatur trainieren. Dadurch verbessere ich meinen Sitz und die Balance.

Möchtest du meinen weiteren Weg verfolgen, wie ich mit meiner Angst umgehe und was ich daraus mache? Dann schau gerne immer mal wieder in meinem Tagebuch vorbei. Da berichte ich von jedem Tag, den ich am Stall verbracht habe, beschreibe Übungen, die ich mit Wango mache und natürlich meine Gefühle. Ich freue mich auf deinen Besuch. In 3 Monaten, etwa Mitte Juni melde ich mich hier wieder zu Wort. Hoffentlich mit einem Fortschritt! Eine Überraschung ist für den Beitrag auch geplant 😉

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.