Ausrüstung

Hilfszügel – so wirken sie auf das Pferd

Wir starten diesen Artikel mal mit einem Experiment:
Strecke deine Arme im 90° Winkel seitlich von deinem Körper weg und halte diese Position so lange du kannst. Nach nicht mal 1 Minute ermüdet deine Muskulatur bereits und deine Arme beginnen zu brennen, stimmt´s? Das liegt daran, dass diese dynamische und keine statischen Muskeln sind. Sie verrichten also Bewegungs- und keine Haltearbeit. Bei der Haltearbeit wird der Muskel allerdings angespannt, ohne dass er sich bewegt, also seine Länge ändert. So verhält sich auch die Halsmuskulatur deines Pferdes, wenn es mit einem Hilfszügel gearbeitet wird.

Die Arten von Hilfszügeln

Die wahrscheinlich bekanntesten Hilfszügel sind Ausbinder, Martingal und Halsverlängerer.
Ausbinder gibt es in verschiedenen Ausführungen: starr, meist aus Leder oder mit Gummieinsatz bzw. Gummiring. Sie werden vom Gebiss zum Sattelgurt verschnallt und sollen das Herausheben des Kopfes verhindern. Genutzt wird der Ausbinder meist beim Longieren, damit die Pferde „Haltung bewahren“. Man kann ihn aber auch z.B. als Anfänger beim Reiten nutzen.

Das Martingal verhält sich ähnlich wie Ausbinder. Bei der Verschnallung wird ein Riemen um den Hals des Pferdes gelegt, welcher mit einem weiteren Riemen durch die Vorderbeine zum Sattelgurt führt. Daran befestigt sind 2 weitere Riemen, durch die die Zügel geführt werden. Auch hier soll das Hochnehmen des Kopfes verhindert werden. Man sieht das Martingal oft bei Vielseitigkeitsreitern bzw. Geländereitern. Die Nutzung beschränkt sich nur aufs Reiten.

Der Halsverlängerer ist ein Gummiseil, das von der einen Seite des Gurtes, etwa in Höhe des Buggelenks, durch den gleichseitigen Trensenring, über das Genick, durch den anderen Trensenring und auf die andere Seite des Gurtes auf gleicher Höhe geführt wird. Er ist im Genick verstellbar. Wie der Name schon sagt, soll er das Pferd dazu verleiten seinen Hals zu strecken. Durch den Druck auf das Genick soll das Pferd ins vorwärts-abwärts geleitet werden. Er wird zum Reiten, sowie auch zum Longieren genutzt.

Hilfszügel mit Flaschenzugsystem

Unter diese Kategorie fallen Schlaufzügel, Dreieckszügel und Laufferzügel. Diese begrenzen das Pferd seitlich, stellen und biegen es. Sie können vor allem in den Händen von Anfängern gefährlich werden! Alle werden mit der einen Seite am Sattelgurt befestigt, verlaufen durch die Trensenringe und werden dann entweder wieder am Gurt befestigt oder der Reiter hält sie in der Hand. Durch diesen Flaschenzug durch die Trensenringe, VERDOPPELT sich die Zugkraft!

Für Schlaufzügel gibt es 2 verschiedene Verschnallungsmöglichkeiten. Bei der „tiefen Verschnallung“ führt das eine Ende zwischen den Vorderbeinen hindurch zum Sattelgurt. Die andere Seite verläuft durch die Trensenringe und endet in den Händen des Reiters. Hierbei wird die Nase des Pferdes Richtung  Brust gezogen. Bei der „hohen Verschnallung“ werden die Enden nicht zwischen den Vorderbeinen hindurch geführt, sondern seitlich am Sattelgurt etwa in Höhe des Buggelenks befestigt. Die Nase des Pferdes wird hierdurch nach hinten-oben gezogen. Sie werden beim Reiten genutzt. Der Reiter hat hier 2 Paar Zügel in der Hand und die Schlaufzügel sollten nur in den seltensten Fällen „auf Spannung“ sein!

Der Dreieckszügel geht wieder zwischen den Vorderbeinen des Pferdes hindurch, wo er am Gurt befestigt wird. Auch hier führen die Riemen durch die Trensenringe und werden dann seitlich am Gurt auf Höhe des Buggelenks befestigt. Der Hilfszügel soll dem Pferd den Weg ins vorwärts-abwärts zeigen. Sie eignen sich besonders gut zum longieren, können aber auch für Anfänger beim Reiten genutzt werden.

Laufferzügel werden oft mit den Dreieckszügeln verwechselt. Sie werden allerdings anders verschnallt, wodurch sie auch eine andere Wirkung haben. Das eine Ende wird in etwa auf Höhe des Buggelenks am Gurt befestigt, dann durch die Trensenringe gezogen und das andere Ende wieder am Gurt verschnallt. Diese Seite des Riemens bietet durch eine reichliche Anzahl an Löchern eine sehr individuelle Verschnallung. Sie zeigt dem Pferd den Weg ins vorwärts-abwärts. Laufferzügel werden zum Longieren genutzt.

Stoßzügel

Der Stoßzügel wird auch als „harter“ Hilfszügel bezeichnet und ist eigentlich nur ein Riemen, der unter dem Bauch am Gurt befestigt und zwischen den Vorderbeinen hindurch geführt wird. In der einfachsten Ausführung wird dann eine Longierbrille eingeschnallt und mit dem Stoßzügel verbunden. Er soll verhindern, dass das Pferd den Kopf zu hoch trägt. Das Pferd kann sich trotzdem noch gut stellen und biegen. Meist wird er bei Reitanfängern genutzt. Zu den Stoßzügeln gehören auch das Chambon, Gogue, die Equilonge (NICHT die Equi-Longe von Equimero) und der Thiedemannzügel.

Bei dem Chambon handelt es sich um einen Genickriemen, der mit einem Gummiband am Stoßzügel befestigt ist. Hierbei wird der Druck nicht auf das Gebiss, sondern auf das Genick ausgeübt und soll dem Pferd so den Weg in die Dehnungshaltung zeigen. Dieser Hilfszügel wird ausschließlich beim Longieren genutzt.

Das Gogue ist ebenfalls ein Genickriemen mit Gummibändern, welche aber nicht direkt zum Stoßzügel verlaufen, sondern ein Dreieck zwischen Stoßzügel, Genickriemen und Trensenring bilden. Dadurch wird der Druck auf Genick und Gebiss verteilt. Man kann es sowohl zum Longieren, als auch zum Reiten nutzen.

Die Equilonge verbindet auch den Genickriemen und das Gebiss. Allerdings wird hierbei das Gummi vom Genickriemen mit Karabinern in den Trensenringen eingeharkt und führt dann zum Stoßzügel. Dabei entsteht wieder eine Art Flaschenzug, wodurch der Zug des Stoßzügels vergrößert wird. Alternativ kann sie auch ohne Stoßzügel genutzt und seitlich am Gurt befestigt werden. Die Verwendung begrenzt sich ausschließlich auf das Longieren.

Der Thiedemannzügel oder auch Köhlerzügel genannt, ist eine Kombination aus Martingal und Schlaufzügel. Die Riemen, durch die beim Martingal die Zügel geführt werden, sind hier länger und werden durch den Trensenring gezogen und am eigentlichen Zügel eingeharkt. Man sieht diese Kombination oft bei Spring- und Vielseitigkeitsreitern. Der Thiedemannzügel kann ausschließlich zum Reiten genutzt werden und sollte auch nur in die Hände von fortgeschrittenen Reitern.

Longierhilfen und Doppellonge

Neben den üblichen Hilfszügeln, gibt es auch Longierhilfen, die ähnlich wie Hilfszügel wirken. Die bekanntesten sind der Strickausbinder und die Pessoa-Longierhilfe.

Der Strickausbinder wird in den Trensenring (Kappzaum) eingeharkt, zwischen den Vorderbeinen hindurch über den Rücken geführt. Dies soll verhindern, dass das Pferd den Kopf hochreißt und ihm die Dehnungshaltung näher bringen. Man kann den Strickausbinder auch ganz leicht selber machen, indem man 2 Stricke, am besten mit Karabiner, nimmt und die Enden miteinander verknotet. Dadurch ist die Longierhilfe auch individuell einstellbar.

Für die Pessoa-Longierhilfe wird wieder ein Longiergurt benötigt. An diesem wird am oberen Ring die Longierhilfe eingeschnallt. Anschließend wird sie um die Hinterhand des Pferdes gelegt und führt von dort aus durch die seitlichen Ringe des Gurtes, durch die Trensenringe und zwischen den Vorderbeinen hindurch zurück zum Gurt. Der Zweck dieses Verschnallens ist, dass dem Pferd einerseits die Dehnungshaltung näher gebracht werden soll und andererseits die Hinterbeine zum vermehrten Vortreten animiert werden. Das Pferd wird komplett eingerahmt und auch in seinem Rahmen begrenzt.

Doppellonge

Für die Doppellonge gibt es 3 verschiedene Arten sie zu verschnallen. Bei der indirekten Verschnallung oder auch Remonten-Verschnallung genannt, führt der äußere Zügel vom Gebissring (Kappzaum), zum Longiergurt und dann über den Rücken zum Longenführer. Der innere Zügel beginnt am Longiergurt und wird dann durch den Trensenring zum Longenführer geführt. Hierbei haben wir es wieder mit einem Flaschenzug am inneren Zügel zu tun, also aufgepasst mit eurer Kraft! Möchtest du die Hand wechseln, musst du das Pferd anhalten und die Longen dementsprechend umgeschnallt werden.

Das ist bei der direkten Verschnallung anders. Sie ist der Zügelführung beim Reiten sehr ähnlich. Hierbei werden die vorderen Karabiner in die Trensenringe (Kappzaum) eingehängt und die zweiten am Longiergurt. Dabei kann die Höhe am Gurt variiert werden. Die äußere Longe verläuft hier über den Pferderücken zum Longenführer. Die Wendungen kannst du hierbei ganz einfach über den äußeren Zügel durchführen.

Bei der dritten Verschnallung kann die Longe entweder wie bei der direkten oder der indirekten Verschnallung eingehängt werden. Die äußere Longe wird jedoch nicht über den Rücken des Pferdes, sondern um die Hinterhand geführt. Dies Rahmt das Pferd mehr ein und bewirkt eine aktivere Hinterhand.

Auswirkungen und Folgen falscher Nutzung

Bei der Nutzung von Hilfszügeln und Longierhilfen kann aber auch ganz viel schief gehen und das Pferd kann großen Schaden davontragen!

Zu kurz verschnallt

Möchte sich das Pferd nach vorwärts-abwärts strecken, wird dies dadurch oft verhindert. Stattdessen kann das Pferd hinter die Senkrechte geraten. Sind Hilfszügel zu kurz verschnallt, kann es zum „falschen Knick“ kommen. Dadurch wird permanent Druck auf die Zunge, Laden und das Kiefergelenk gegeben. Die Obere Halsmuskulatur verspannt sich und lockeres Schwingen im Rücken ist nicht mehr möglich. Möchte das Pferd nun dem Druck nachgeben, so gerät es weiter hinter die Senkrechte. Dadurch wird das Nacken-Rückenband unter enormen Zug gesetzt. Dieser überträgt sich auf das Dornfortsatzband und das Kreuzbein wird nach vorne gezogen. Das Becken flacht nach vorne ab und die Hinterhand kann nicht mehr untertreten. So kann das Pferd nicht reell über den Rücken laufen. Bei stetigem Einsatz können sogar körperliche Probleme wie Verknöcherungen am Ansatz des Nacken-Rückenbandes entstehen.

Passiert dies bei Schlaufzügeln, so muss der Reiter immer wieder sein Zügelmaß anpassen und es entsteht eine Art Kreislauf. Das Pferd berührt schon fast mit der Nase die Brust und der Reiter muss wieder nachfassen…

Die natürliche Nickbewegung im Schritt kann mit vielen Hilfszügeln nicht gewährleistet werden. Das Pferd würde bei jedem Schritt einen Ruck im Maul spüren. Daher gibt es z.B. den Ausbinder mit Gummieinsatz, welcher dies verhindern soll. Ist dieser aber zu kurz verschnallt, so hat das Pferd einen Dauerzug im Maul.

Beim Martingal kann die Bewegungsfreiheit des Halses enorm eingeschränkt werden. Ist es zu kurz eingeschnallt, wird die Achse zwischen Maul – Zügel – Hand unterbrochen, wodurch ein Dauerdruck im Maul entsteht. Dies verursacht Verspannungen im Kiefergelenk und Genick.

Durch das Gummi des Halsverlängerers übt dieser einen Dauerdruck auf Maul und Genick aus, der sogar noch verstärkt wird, wenn dich das Pferd vorwärts-abwärts dehnen möchte. Durch den aufgebauten Druck im Maul und Genick wird die Unterhalsmuskulatur stark ausgeprägt, da das Pferd gegenhält. Es kann zu starken Verspannungen kommen und sogar Angst vor der Dehnung beim Pferd auslösen. Stellt man den Halsverlängerer im Genick größer ein, so übt er zwar keinen Druck mehr aus, wenn das Pferd mit einer normalen Halsposition läuft, aber dadurch hat er auch keine Wirkung mehr, außer wenn sich das Pferd nach oben herausheben will.

Bei Stoßzügeln jeglicher Art bewirkt bei zu kurzer Verschnallung ein Heben des Kopfes einen ruckartigen Druck auf das Genick. Daraus können Abwehrreaktionen, wie Steigen und Buckeln folgen. Das Pferd kann aber auch stolpern oder gar Stürzen. Bei Einschnallen einer Longierbrille kommt zusätzlich noch hinzu, dass das Gebiss (je nach Art) gegen den Gaumen schnellen kann.

Der große Vorteil der Doppellonge gegenüber Hilfszügeln und Longierhilfen ist, dass die Länge der Zügel während des Trainings verändert werden kann, ohne anzuhalten und umzuschnallen.

Innere Seite enger schnallen

Es gibt auch Varianten, da wird der innere Hilfszügel 1-2 Löcher enger geschnallt, um die Stellung zu simulieren und eine Biegung zu fordern. Ebenso wie bei der Doppellonge in der indirekten Verschnallung wird hier der Pferdekopf flexioniert und das Pferd wird sich im Genick verwerfen. Oft bricht dann auch die Hinterhand nach außen aus oder das Pferd läuft über die äußere Schulter weg. Außerdem wird hierbei eine Seite der Muskulatur mehr beansprucht, als die andere. Das kann auf Dauer zu Verspannungen der Hals- und Schultermuskulatur führen.

Das bewirkt die Änderung der Höhe

Generell kann man sagen: Je tiefer der Hilfszügel eingestellt ist, desto mehr zeigt er dem Pferd den Weg in die Tiefe. Je höher er verschnallt ist, desto mehr soll sich das Pferd versammeln. So der erste Gedanke… Irgendwann ist in der Tiefe der Punkt erreicht, wo das Pferd auf die Vorhand fällt und die Sehnen, Bänder und Gelenke Schaden nehmen. Die hohe Verschnallung ähnelt der Reiterhand am meisten, kann aber dazu führen, dass der Rücken durchhängt und das Pferd mit der Hinterhand nicht untertritt.

Richtige Verschnallung und Nutzung von Hilfszügeln

Beim Einschnallen von Hilfszügeln jeglicher Art, gerade zum longieren, ist durch Anheben des Pferdekopfes etwa auf Höhe des Halsansatzes die korrekte Länge zu überprüfen. Dabei darf die Stirn-Nasen-Linie NICHT hinter die Senkrechte geraten! Bestenfalls hängen sie leicht durch, damit sie wirklich nur zum Einsatz kommen, wenn das Pferd seinen Kopf stark in eine ungewünschte Position lenken möchte. So muss die Halsmuskulatur keine gezwungene Haltearbeit verrichten und die eigentliche Funktion wird nicht gestört.

Hilfszügel sind nicht für die tägliche Arbeit geeignet und können schnell zur „Krücke“ für das Pferd werden. Krücke in dem Sinne, dass sich das Pferd darauf abstützt. Daher sollte auf jeden Fall regelmäßig die Haltung ohne Hilfszügel überprüft werden. Gibt es dabei keine Änderung, läuft also das Pferd noch so „schlecht“ wie vor der Nutzung oder sogar noch schlechter, so ist er meist schon zur Krücke geworden.

Merke: kurzfristiger Einsatz von Hilfszügeln und Longierhilfen als effektive Trainingsunterstützung!

Um dies zu verhindern, sollte die Nutzung einer Trainingshilfe nur von sehr kurzer Dauer sein. Das ist nicht bezogen auf 2-3 Tage hintereinander und dann eine Pause vom Hilfszügel, sondern auf die Dauer innerhalb der Trainingseinheit. Ich habe den Artikel mit einem Selbsttest begonnen, wobei du deine Arme nur kurzzeitig im 90° Winkel von deinem Körper halten konntest. Ungefähr diese Zeit lang kann der Hilfszügel als effektive Trainingshilfe genutzt werden und sollte dann wieder ausgeschnallt werden. Denn genau das ist der Moment, wo sich das Pferd dann auf den Zügel legt. Hilfszügel sollen das Pferd nicht in eine Position zwingen, sondern ihm die Idee von der richtigen bzw. erwünschten Haltung vermitteln!

Es ist ganz wichtig sich vor dem Kauf eines Hilfszügels über seine genaue Wirkungsweise auf den Pferdekörper und die Muskulatur zu informieren. Vertraut da bitte nicht blind auf die positive Produktwerbung! Möchtest du mit der Doppellonge arbeiten, dann lege ich dir ans Herz dies mit einem Trainer zu beginnen oder zumindest einen Lehrgang zu Beginn zu machen. Das hilft dir enorm das Prinzip dahinter zu verstehen und vielleicht auch die richtige Verschnallung für dich und dein Pferd zu finden.

Schreibt mir doch gerne mal in die Kommentare wie lange ihn das Experiment vom Anfang durchgehalten habt. Bei mir waren es 96 Sekunden. Könnt ihr das toppen?

Diese Artikel könnten dich auch interessieren

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.