Haltung & Pflege

Die Anatomie des Pferdes – die Muskulatur

Der Pferdekörper hat ca. 700 Muskeln. Sie machen mit etwa 40-45% den größten Teil der Gesamtmasse eines Pferdes aus. Die Hauptaufgabe eines Muskels ist natürlich die Bewegung, doch jeder Muskel hat verschiedene Unterfunktionen.

Grundwissen Muskulatur

Muskel ist nicht gleich Muskel. Insgesamt gibt es 3 verschiedene Arten von Muskeln, die verschiedene Aufgaben haben und entweder vom Pferd steuerbar oder nicht willentlich beeinflussbar sind:

Die

  • Herzmuskulatur steuert sich quasi durch ein spezielles Zellsystem, welches elektrische Impulse sendet, die den Herzschlag veranlassen, selber. Dieses Zellsystem ist vom Pferd nicht beeinflussbar.
  • glatte Muskulatur steuert z.B. die Verdauung des Pferdes und arbeitet ebenfalls unwillkürlich.
  • Skelettmuskulatur sind die Muskeln, die größtenteils vom Pferd gesteuert werden, aber auch reflexartig und damit selbstständig arbeiten. Von den 700 Muskeln im Pferd, gehören rund 540 zu dieser Muskelgruppe. Sie stabilisieren das Skelett und sind zuständig für die
    • Fortbewegung
    • Mimik
    • Formgebung des Körpers
    • Stoßdämpfung
    • Schutz der Nerven und Organe

         um diese Muskulatur geht es in diesem Beitrag!

Muskeln arbeiten paarweise in 2 verschiedenen Kontraktionsformen: der isotonischen und der isometrischen Kontraktion. Bei der isotonischen Kontraktion kommt es durch Muskelverkürzung zu einer Bewegung. Dies kann auf 2 Arten passieren, und zwar durch zusammenziehende (konzentrische) oder dehnende (exzentrische) Kontraktion. Wird ein Muskel gedehnt, unterstützt er so seinen „Partner“ und stabilisiert das Gelenk. Es ist die effizienteste Muskelarbeit für das Pferdetraining. Bei der isometrischen Kontraktion hingegen, wird der Muskel nicht verkürzt bzw. gedehnt, sondern es erfolgt eine Spannungserhöhung in dem Muskel, wodurch die Bewegung erzeugt wird. Dies ist für das Pferd sehr anstrengend.

Der Aufbau eines Muskels

Jeder Muskel hat einen Muskelbauch, welcher aus gebündelten Muskelfasern besteht. Diese sind von einer Gewebehülle, der Faszie, umgeben, die dem Muskel Halt gibt und die einzelnen Muskeln voneinander trennt. In diesen Muskelfasern findet die Muskelkontraktion statt, d.h. im Muskelgewebe werden Kräfte erzeugt, die die Bewegung steuern. Im Training nimmt durch das Anreißen und der darauf folgenden Regeneration der Muskelfasern der Durchmesser des Muskels zu, er wird also kräftiger.

Muskelfasern sind unterteilt in weiße und rote Fasern. Diese 2 Typen entscheiden über das Leistungsvermögen des Pferdes.

  1. Rote Muskelfasern („Slow-twitch-Fasern“) arbeiten langsam und sind auf Dauerleistung ausgelegt, also z.B. um lange Distanzen zurückzulegen. Man nennt sie statische Muskeln (Haltemuskeln) und findet sie vor allem an Gelenken. Sie werden den tiefen Muskeln zugeteilt und sind unter anderem auch für die Feinmotorik zuständig.
  2. Weiße Muskelfasern („Fast-twitch-Fasern“) hingegen können schnell viel Kraft für einen kurzen Zeitraum aufbringen, haben sozusagen eine „explosive“ Leistung. Diesen Muskeltyp nennt man dynamische Muskeln (Bewegungsmuskeln). Sie haben eine große Kontraktionsfähigkeit und gehören zu der oberflächlichen Muskulatur.

Durch gezieltes Training können weiße Fasern bis zu einem gewissen Grad in rote Fasern umgewandelt werden. Also Muskeln, die auf kurze und kräftige Leistung ausgelegt sind können auch auf Dauerleistung trainiert werden.

Die 3 Muskelschichten

Ein Pferd besitzt 3 Muskelschichten

  • Kernmuskulatur
  • tiefe Muskeln
  • oberflächliche Muskeln

Auf den Bildern im folgenden Abschnitt ist zwar der Großteil der Muskeln aufgezeigt, ich werde allerdings nur genauer auf die Muskeln eingehen, die relevant für das Pferdetraining sind. Diese habe ich in rot gezeichnet.

Kernmuskulatur

Die Kernmuskulatur stabilisiert und stärkt das Skelett des Pferdes. So wird die korrekte Haltung unterstützt.

Der M. serratus ventralis (Sägemuskel) ist der wichtigste Rumpfträger. Pferde haben kein Schlüsselbein. Dieser Muskel ersetzt dieses sozusagen und verbindet das Schulterblatt mit der Vorderextremität. Dadurch definiert er die Schulterfreiheit. Er wirkt stoßdämpfend und hebt Widerrist an. Durch gezieltes Training wirkt das Pferd am Widerrist breiter und „höher“. Er füllt das oft zu sehende dreieckige Muskelloch zwischen Widerrist und Halsansatz.

Der Mm. Multifidi (vielgeteilte Wirbelsäulenmuskulatur) ist für Statik und Beweglichkeit der Wirbelsäule des Pferdes verantwortlich. Arbeitet dieser nicht korrekt, ist kaum Biegung und Schung in der Bewegung möglich.

Der M. rectus abdominis (gerader Bauchmuskel) ermöglicht das Vorschwingen der Hinterbeine. Geht das Pferd locker und gelöst mit schwingendem Rücken, kann man diesen Muskel sehr gut an- und abspannen sehen. Bei Anregung wölbt er die Brustwirbelsäule auf. Wie du das vom Boden aus erreichen kannst, liest du in diesem Artikel.

Tiefe Muskeln

Die tiefen Muskeln sind kleinere Haltungsmuskeln, die dicht an den Gelenken liegen.

Der M. rhomboideus (Rautenmuskel) hebt das Schulterblatt, den Hals und den Kopf an. Ein gut ausgeprägter Rautenmuskel lässt den Hals deutlich breiter werden und stellt den Mähnenkamm sichtbar auf.

Der M. longissimus dorsi (langer Rückenmuskel) kann die Wirbelsäule feststellen, strecken und biegen. Außerdem richtet er den Oberkörper auf, daher wird er auch Rumpfheber genannt. Er ist für das Übertragen des Schubs aus der Hinterhand verantwortlich und besonders im Galopp aktiv. Beim Reiten sitzt man quasi auf diesem Muskel. Daher denken viele Reiter fälschlicherweise, dass sie von ihm getragen werden. Allerdings ist der lange Rückenmuskel ein Bewegungs- und kein Tragemuskel!

Der M. gluteus medius (mittlerer Kruppenmuskel) streckt vor allem die Hinterbeine. Doch in Zusammenarbeit mit dem langen Rückenmuskel, hebt er auch die Vorhand beim Abspringen zu Sprung oder beim Angaloppieren.

Der M. brachialis (Oberarmmuskel) ist der Gegenspieler zum Trizeps. Er ist für die Beugung der Ellbogen zuständig.

Der M. infrasoinatus (Untergrätenmuskel) sorgt für die Beugebewegung des Buggelenks. Diese kannst du vor allem während der Schwebephasen im Trab und Galopp sehen.

Der M. supraspinatus (Obergrätenmuskel) ist der Gegenspieler zum Untergrätenmuskel. Er macht demnach genau das Gegenteil, sorgt also beim Vorschwingen der Vorderbeine dafür, dass sich die Schulter streckt und verhindert ein Beugen des Gelenks in der Abdruckphase bzw. Standphase des jeweiligen Beins.

Oberflächliche Muskeln

Die oberflächlichen Muskeln sind mit den Faszien verwebt und liegen direkt unter der Haut. Das sind also die Muskeln, die du bei deinem Pferd direkt unter der Haut siehst.

Der M. splenius (Riemenmuskel) gehört der übergeordneten Gruppe der Aufrichter an. Er dient dennoch als Seitwärtsbieger und Dreher der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Er ist vor allem für die Bewegungen des Halses im Galopp und zur Ausbalancierung des Gleichgewichts im Gelände und bei Sprüngen zuständig.

Der M. trapezius (Trapezmuskel) ist ein dünner, flächiger Muskel, dessen Aufgabe es ist, das Schulterblatt beim Vorführen der Vorderbeine mit zu führen. Oft wird behauptet, dass der Sattel nicht auf diesem Muskel liegen darf, was aber bei einem gut gebauten Pferd fast unmöglich wäre!

Der M. latissimus dorsi (breiter Rückenmuskel), nicht zu verwechseln mit dem langen Rückenmuskel, definiert die Sattellage des Pferdes. Er ist der wichtigste Rückwärtsführer der Vorderextremitäten und beugt dabei das Schultergelenk. Außerdem zieht er den Rumpf nach vorne. Er ist der Gegenspieler zum M. brachiophalicus (Kopf-Armmuskel).

Der M. biceps femoris (zweiköpfiger Oberschenkelbeuger) ist einer der stärksten Muskeln des gesamten Pferdekörpers. Bei Kontraktion streckt und beugt er die einzelnen Gelenke des Beines.

Der M. obliquus externus abdominis (äußerer schräger Bauchmuskel), der die oberflächlichste Muskelplatte der Bauchmuskulatur bildet. Er erfüllt als Teil der ventralen und seitlichen Bauchwand eine statische Funktion.

Der M. triceps branchii (dreiköpfiger Armmuskel) hat hauptsächlich eine Streckfunktion des Ellenbogengelenks. Er ermöglicht die Vorwärtsbewegung.

Der M. deltoideus (Deltamuskel) ist für die Beugung im Schultergelenk verantwortlich. Somit sorgt er für den Raumgriff.

Der M. sternomandibularis (Brustbein-Unterkiefer-Muskel) bildet den sogenannten Unterhals. Dieser ist für die korrekte Haltung des Pferdes kontraproduktiv. Außerdem öffnet er die Maulspalte und kann den Unterkiefer fixieren.

Der M. brachiocephalicus (Oberarm-Kopf-Muskel) kann unterschiedliche Wirkungen auslösen: bei festgestelltem Hals und Kopf ist er der wichtigste und ausgiebigste Vorwärtsführer der Vorderbeine. Bei gestreckter Hals- und Kopfhaltung lässt er in schnellen Gangarten die Vordergliedmaße weit ausgreifen, wobei er bei hochgetragenem Hals und Kopf die sogenannten „hohen Aktionen“ der Gelenke auszuführen hilft. Wird das Bein festgestellt, so bewirkt er ein Niederziehen bzw. Fixieren und Rückwärtsführen von Hals und Kopf. Bei einseitiger Wirkung erfolgt die Seitwärtsbiegung des Halses.

Fazit

Nun habt ihr die für euer Training wichtigsten Muskeln und ihre Funktionen in Kurzfassung gelernt, was euch hoffentlich dabei hilft euer Pferd und seine Bewegungen besser kennen zu lernen. Ich habe mir dieses Wissen allerdings auch nur selber angeeignet und zahlreiche Bücher gelesen, bin demnach kein Experte auf dem Gebiet und es können durchaus Fehler in der Bezeichnung oder Ähnlichem auftreten. Falls euch etwas in dieser Art auffällt, dann weist mich doch gerne in der Kommentaren oder per Mail darauf hin.

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